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27.03.19

Podologe - Gut zu(m) Fuß

Fremden Menschen die Hand geben, das ist für die meisten kein Problem, zumindest außerhalb der Grippezeit. Aber fremde Füße anfassen? „Das muss man mögen“, sagen zwei, die es mögen, nämlich Christine und Michelle. Beide sind Schülerinnen der Höheren Berufsfachschule für Podologie am Institut für Marktwirtschaft in Erfurt und lernen hier alles, was sie wissen und können müssen, um gut zum Fuß ihrer Patienten zu sein. Ja, Patienten, denn anders als in der kosmetischen Fußpflege geht es in der Podologie um die medizinische Behandlung der Füße.


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Foto: Manuela Müller

Auf den Fuß kommen viele erst im zweiten beruflichen Anlauf. Auch Michelle und Christine haben vorher schon einen anderen Beruf gelernt. „Ich bin ausgebildete Rettungsassistentin und habe einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Da habe ich sehr viel mit Menschen zu tun gehabt, aber immer nur kurz. Mein Wunsch war es, etwas zu finden, bei dem ich Menschen helfen kann und auch die Zeit habe, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. So bin ich auf Podologin gekommen“, erzählt Christine. Michelle hingegen kommt aus der Kosmetik. „Da hatte ich schon mit Fußpflege zu tun. Ich wollte aber mehr in das Medizinische gehen. Eigentlich war Podologin schon länger mein Traumberuf, es hatte nur nicht gleich geklappt.“

Fußpflege und Podologie sind zwei Paar Schuhe. Bei der Fußpflege geht es um die Kosmetik, um schöne Füße, in der Podologie um die Behandlung bei gesundheitlichen Problemen. „Wir erstellen immer zunächst einen Fußbefund, schauen uns Druckstellen an, achten auf Wunden, untersuchen die Fußsohlen, gucken auch nach Fußhaltung und Gangbild. Das geht weit über den Fuß hinaus. Eine Fehlbelastung kann zum Beispiel zu Rückenbeschwerden und Kopfschmerzen führen. Außerdem behandeln wir Diabetiker, die aufgrund der oft auftretenden Durchblutungsstörungen Risikopatienten sind. Gerade ältere Menschen haben häufig Herzprobleme, Wassereinlagerungen oder leiden unter Veneninsuffizienz – auch das ist für uns wichtig zu wissen.“ Mit dem Befund entwickeln die Podologen für jeden Patienten einen individuellen Behandlungsplan. Dafür brauchen sie jede Menge medizinisches Hintergrundwissen.

Das bekommen sie im Fall von Michelle und Christine in der zweijährigen schulischen Ausbildung an der höheren Berufsfachschule für Podologie vermittelt. „Man sollte die Theorie auf keinen Fall unterschätzen. Ich habe eine medizinische Vorbildung und war trotzdem überrascht, wie detailliert das hier ist. Wir lernen die gesamte Anatomie des Menschen, Knochen, Organe, Blutkreislauf, Nervensystem, Krankheitslehre – auch das, was man nicht gleich mit dem Fuß in Verbindung bringt. Man erkennt aber schnell die Zusammenhänge“, erklärt Christine. 

Außerdem stehen Fächer wie Hygiene und scheinbar „leichtere“ Inhalte wie Cremen auf dem Lehrplan. „Aber auch hier steckt viel mehr dahinter als man vielleicht erstmal denkt. Hygiene ist sehr wichtig, für die Patienten und für uns. Und es gibt so viele verschiedene Cremes, Lotions und Öle – man muss wissen, was man wann verwendet und was zum Beispiel eher schadet, etwa wenn jemand Durchblutungsstörungen hat“, weiß Michelle.

Das gilt natürlich auch für die Arbeit mit den Instrumenten. Podologen arbeiten unter anderem mit Skalpellen, Fräsen und Zangen. Das klingt nach Werkzeugkasten und nicht ganz ungefährlich. Das ist es auch nicht. Sie bekommen immer erstmal die Theorie erklärt und können sich danach im Praxisraum der Schule mit dem jeweiligen Instrument vertraut machen. Die Schüler üben unter Anleitung an sich selbst, bis sie sicher im Umgang sind. Erst dann dürfen sie Hand an fremde Füße legen. Dafür kommen dann „echte“ Patienten in die Schule.

Für die Arbeit der Podologen ist eine grundlegende Fingerfertigkeit sehr wichtig. „Zum einen, weil wir auch Babys und Kleinkinder behandeln und die Füße da eben auch sehr klein sind und zum anderen, weil wir auch handwerklich gefordert sind. Zum Beispiel bei den sogenannten Spangen. Die sind zur Korrektur eingewachsener Nägel und müssen aus Draht frei geformt werden. Das ist nicht so einfach und braucht viel Geduld.“ Michelle „bastelt“ zwischendurch mal ganz gern, Christine macht diese kleinteilige Arbeit nicht so viel Spaß.

Aber, ganz ehrlich: Spaß an der Arbeit mit fremden Füßen? „Ja, aber dafür muss man gemacht sein, das muss man mögen“, finden beide. Sie haben durch ihre beruflichen Vorgeschichten keine Berührungsängste mehr, können sich aber noch gut daran erinnern. „Man unterschätzt das oft. Und die Füße sind da noch mal ein besonderes, sehr persönliches Thema. Die meisten Menschen mögen ihre eigenen Füße schon nicht, viele schämen sich auch. Selbst fremde Füße anzufassen, ist erstmal komisch. Aber man gewöhnt sich daran. Und wenn die Füße hygienisch mal nicht so in Ordnung sind, haben wir Handschuhe und Mundschutz. Und schließlich ist auch nicht jeder Patient gleich. Es gibt verschiedenen Typen, wir lernen in der Ausbildung auch ein bisschen Psychologie, um zum Beispiel auch mit besonders ängstlichen oder cholerischen Patienten umgehen zu können.“

Was Michelle an ihrem Beruf besonders mag, ist das Gefühl, den Menschen wirklich zu helfen. „Wenn ein Patient jahrelang nicht aus dem Haus gegangen ist, weil er keine Schuhe tragen oder nicht laufen konnte, und dann nach der Behandlung wieder draußen unterwegs ist, ist das toll. Die Menschen sind so erleichtert und dankbar.“ Und auch Christine hat nun das, was sie sich beruflich immer gewünscht hat: Mehr Zeit für den Menschen, den sie behandelt. „Ich interessiere mich für die Geschichten dahinter. Das ist ein bisschen wie beim Friseur. Die Menschen erzählen von ihren Familien, von Hobbies, von der Arbeit aber auch von ihren Sorgen und Nöten sowie von ihren gesundheitlichen Problemen. Manchmal reicht es, dass man einfach zuhört, manchmal kann man auch einen therapeutischen Rat geben und beispielsweise den Besuch bei einem Facharzt empfehlen.“

Und zwar nicht einfach so. Zur Ausbildung gehören neben 2000 Stunden Schule noch 1000 Stunden Praktika, unter anderem in den Facharztbereichen Orthopädie, Diabetologie, Dermatologie und Rheumatologie. Zum Abschluss der Ausbildung geht es für ein längeres Praktikum schließlich noch in eine podologische Praxis, bis dahin haben Michelle und Christine aber noch etwas Zeit. (mü)