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13.02.17

Notfallsanitäter - Wir brauchen hier Hilfe!

Gerade noch stand der Kollege putzmunter neben einem, im nächsten Moment kippt er einfach um und liegt bewusstlos am Boden. Hilfe!!! Die meisten haben zwar zumindest für den Führerschein schon mal einen Erste-­Hilfe-­Kurs gemacht, aber wenn es dann wirklich zu einem Notfall kommt, ist man doch sehr froh, wenn man nicht auf sich allein gestellt ist und ein Profi übernimmt. Der 22-­jährige Jim ist einer dieser Profis – also fast – denn noch ist er in der Ausbildung zum Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Weimar. Wie er dem Kollegen helfen kann, weiß er aber schon jetzt!


Ausbildung, Thüringen, Weimar, Notfallsanitäter

Bild: Manuela Müller/WiYou.de

Als Jim mit dem Realschulabschluss in der Tasche ins Ausbildungsleben starten wollte, stand eigentlich Polizist ganz oben auf der Traumberufliste. „Ich wollte einen Beruf, der Abwechslung bietet, in dem ich mit Menschen zu tun hab und in Bewegung bin. Leider hat es mit dem Einstellungstest bei der Polizei aber nicht geklappt.“ Jim ging erstmal weiter zur Schule und machte sein Abitur im Schwerpunkt Gesundheit und Soziales. „Ich war dann beim Tag der Offenen Tür an der Berufsschule in Meiningen, um mal zu gucken, was es da so gibt und es war schnell entschieden: Ich werde Notfallsanitäter.“ Jim schrieb innerhalb von zwei Wochen über 60 Bewerbungen. „Das war allerdings genau in dem Jahr, in dem das erste Mal Notfallsanitäter statt Rettungsassistenten ausgebildet werden sollten und die Ausbildungsträger erst kurzfristig die Stellen vergeben konnten.“

Geklappt hat es dann schließlich beim Deutschen Roten Kreuz in Weimar. Jims Ausbildung hier dauert drei Jahre. Diese verteilen sich auf die Bereiche Berufsschule an der Höheren Berufsfachschule für die Notfallsanitäterausbildung, Klinikpraktikum in Bad Berka und praktische Ausbildung auf der Rettungswache in Weimar. „In der Schule geht es zum Beispiel um die Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers. Das geht sehr ins Detail. Man behandelt jedes Organ einzeln. Dazu kommen die Grundlagen der Allgemein­ und der Notfallmedizin. Ich hatte durch mein Abi schon ein gutes Vorwissen, aber es ist trotzdem eine ganze Menge, was man drauf haben muss. Das habe ich wirklich unterschätzt. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob ein Patient beim Ausatmen oder beim Einatmen Lungengeräusche hat – gebe ich das Medikament gegen Asthma jemandem, der ein Lungenödem hat, kann er daran sterben. Das ist eine riesige Verantwortung, das wird mir immer mehr bewusst.“ Notfallsanitäter dürfen nämlich, im Gegensatz zu den Rettungsassistenten, Medikamente geben, wenn kein Arzt in der Nähe ist. „Wir haben dafür extra Unterricht in heilkundlichen Maßnahmen.“ Ein weiteres Unterrichtsfach ist die Einsatztaktik. Damit Jim und seine Mitschüler das nicht gleich auf Autobahn und Co. üben müssen, gibt es in der Berufsschule einen Simulationsraum. „Wir stellen Notfallszenarien nach und lernen: Was brauchen wir, welche Rettungsmittel setzen wir wie ein und wie schützen wir uns selbst? Dieser Beruf ist nicht ungefährlich. Ich habe selbst schon erlebt, wie ein Auto mit 130 Kilometern pro Stunde an mir vorbeiraste, als ich auf der Autobahn an einer Unfallstelle gerade aus dem Rettungswagen steigen wollte.“

Im Praktischen Teil auf der Wache hat Jim auf dem Krankenwagen angefangen. „Da geht es eher um Krankentransporte und Behandlungsfahrten, die weniger akut sind und man kann erstmal die Abläufe kennenlernen, sich mit der Funkarbeit und dem Dokumentieren vertraut machen. Und man lernt, wie man mit Patienten umgeht. Das war am Anfang das Schwierigste für mich: Worüber redet man denn mit jemandem, den man ins Hospiz fährt? Man bekommt aber schnell ein Gefühl dafür.“ Das braucht Jim dann auch für die Arbeit auf dem Rettungswagen. Da fahren standardmäßig zwei Leute mit, als Azubi ist man als Dritter dabei. Einer der anderen leitet einen an und zieht sich immer mehr zurück, damit man nach und nach die Aufgaben allein übernimmt. Das Schöne an diesem Beruf ist, dass man nie weiß, was einen erwartet.“ Und das ist gar nicht immer so dramatisch, wie es sich viele vorstellen. Fast zwei Drittel der Einsätze, die Jim und seine Kollegen fahren, sind eigentlich gar keine Notfälle. Natürlich gibt es aber auch die schlimmen Dinge. „Ich habe in meiner Familie zwei Leute, die auch im Rettungsdienst arbeiten, und wusste von denen schon ein bisschen, wie die Arbeit sein wird. Außerdem habe ich jede Menge Dokus im Internet geguckt. Aber es war schon auch ein Abenteuer. Die gestürzte Oma ist das eine, aber drei tote Kinder beim einem Verkehrsunfall? Davor hatte ich am Anfang schon sehr viel Respekt. Ich komme inzwischen aber gut damit klar. Jeder muss dafür seinen Weg finden. Mir hilft, viel darüber zu reden. Ich mache auch viel Sport, das hilft abzuschalten.“ Außerdem ist es wichtig, in diesem Beruf selbst körperlich fit zu sein. Zum einen, weil man manchmal wirklich viel Kraft braucht, und zum anderen, weil man auch nach elf Stunden Schicht noch fit sein muss, wenn es zum nächsten Einsatz geht. Im Durchschnitt sind das so zwischen sieben und zehn pro Zwölfstundenschicht. Es gibt eher ruhige Tage und auch welche, da geht’s es nochmal

2 Stunden länger – schließlich kann man einen Einsatz nicht einfach abbrechen.“

Zur Ausbildung gehören auch 720 Stunden Klinikpraktikum. Diese verteilen sich auf verschiedene Stationen dort. Als nächstes geht es für Jim in den Kreißsaal. „Darauf freue ich mich jetzt nicht so sehr, aber das gehört halt auch dazu. Interessanter ist für mich dann OP und Anästhesie, da bin ich direkt mit bei den Operationen dabei und lerne die invasiven Maßnahmen, wie Zugänge legen beispielsweise.“

Jim hat gerade Halbzeit, also noch ein bisschen Zeit bis zu seinem Abschluss. „Das ist schon ein anspruchsvoller Beruf, in dem man als Mensch ganz schön gefordert ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich das alles trauen würde. Das macht mich auch ein bisschen stolz. Viele nutzen diese Ausbildung für ihr Medizinstudium. Das hab ich nicht vor. Ich liebe meinen Beruf, ich stehe gern dafür auf und freue mich auf jede Schicht – das möchte ich auf jeden Fall noch möglichst viele Jahre machen.“ (mü)