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19.01.20

Logopäde - Ausgesprochen abwechslungsreich

Wie wichtig es ist, sprechen zu können – und zwar so, dass man auch verstanden wird –, darüber macht man sich in der Regel keine Gedanken. Das geht ja quasi automatisch, oder? Nicht immer. Es gibt eine ganze Reihe von Sprach‐ und Sprechstörungen, die es den Betroffenen schwer machen, sich verständlich auszudrücken. Egal ob Kleinkind mit Sprachentwicklungsstörung, jugendlicher Stotterer oder Erwachsener, dem plötzlich die Stimme wegbleibt – Hilfe für sie alle gibt’s bei den Logopäden – sogar schon bei den angehenden, wie Vanessa und Stella, die gerade ihre schulische Ausbildung an den Ludwig Fresenius Schulen in Erfurt absolvieren.


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Foto: Manuela Müller

„Wer Abi macht, sollte das dann auch nutzen und studieren!“ So dachten auch Vanessa und Stella. Und für Vanessa ging’s nach der Schule auch gleich erstmal an die Uni: „Das hat mir aber gar nicht gefallen. Ich habe mich nochmal neu umgesehen. Und weil ich mich schon immer für Sprache interessiert habe und mir gut vorstellen konnte, mit Kindern zu arbeiten – bei Logopädie habe ich beides –, habe ich mich schließlich für einen neuen Versuch und eine Ausbildung in diesem Beruf entschieden.“ Auch Stella hatte eigentlich vor, zu studieren. „Ich wollte immer einen nicht so gewöhnlichen Beruf und vielleicht einen, bei dem ich meine Stimme einsetzen kann. Bei meinem Jahr als Au‐Pair kam ich dann auf die Idee, doch eine Ausbildung zu machen und Logopädin zu werden.“

Logopädie ist ein Heilhilfsberuf. Es geht um die Therapie von Sprach‐, Sprech‐, Stimm‐ und Schluckstörungen von Menschen aller Altersklassen – also von Kleinkindern bis Senioren. Und es ist ein geschützter Beruf – Logopädinnen dürfen sich Vanessa und Stella deshalb erst nach dem Bestehen der staatlichen Abschlussprüfung nennen.

Die Ausbildung der beiden ist eine schulische, die drei Jahre dauert. „Ich hatte da am Anfang Angst, dass es zu theoretisch wird. Aber wir haben eine schul‐ eigene Praxis, in der wir „echte“ Patienten behandeln und jede Woche einen Tag, an dem wir in Kindergärten gehen und dort arbeiten. Außerdem gibt es zwei zweimonatige Praktika, bei denen wir in einer externen Praxis arbeiten“, erklärt Vanessa. Auch für Stella ist der Praxisanteil ausreichend: „Nach der Ausbildung wird es für uns das normalste der Welt sein, mit Patienten zu arbeiten, weil wir schon so viel selbst therapiert haben.“

Bei aller Praxis haben es angehende Logopäden aber auch mit jeder Menge Theorie zu tun. Sie haben gerade am Anfang viele Grundlagenfächer. Dazu gehören unter anderem Anatomie, Entwicklungspsychologie, Kinderheilkunde, Hals‐Nasen‐Ohren‐Kunde, Diagnostik, Stimme, Stimmbildung, Sprecherziehung, Sprach‐ und Sprechstörungen und Stottern – das ist ein eigenes Fach. Nach und nach kommen auch die verschiedenen Therapiekonzepte dazu. „Das ist vom Lernaufwand schon eher wie ein Studium, sehr anspruchsvoll, umfangreich und man muss viel Selbststudium betreiben. Außerdem müssen wir neben dem Lernen die Praxiseinheiten vorbereiten, zum Beispiel Therapiepläne schreiben und Therapiestunden auswerten“, erklärt Stella.

Aber wenn man interessiert sei und wisse, dass man das alles tut, um Menschen zu helfen, dann mache man das gern, findet Vanessa. Und auch Stella weiß: „Zu uns kommen Menschen, die Hilfe brauchen und wir können sie ihnen geben. Dabei tragen wir auch eine große Verantwortung. Denn wenn etwas schief geht, kann man nicht einfach löschen und wieder von vorn anfangen. Dessen müssen wir uns bewusst sein.“

Den ersten Kontakt mit Patienten gibt es gegen Ende des ersten Ausbildungsjahres.Die Praxisräume der Schule sind Supervisionsräume. Diese haben eine Scheibe, wie die Verhörräume der Polizei im Fernsehen, hinter der die Schüler erstmal nur hospitieren, bevor sie dann gemeinsam mit einem älteren Schüler zum ersten Mal eine Therapiestunde übernehmen. Dabei sitzen dann Fachanleiter hinter der Scheibe und werten im Anschluss gemeinsam mit den Schülern die Stunde aus.

Die erste eigene Einheit sei schon sehr aufregend gewesen, erinnert sich Vanessa: „Man muss eine Dreiviertelstunde selbst füllen, und zwar so, dass der Patient gern mitmacht und davon am Ende auch was hat. Und man weiß, dass man beobachtet wird. Das konnte ich aber ausblenden und mich ganz auf die Therapiestunde konzentrieren. Es lief richtig gut und hat dann auch gleich von Anfang an Spaß gemacht.“

Auch wenn jeder Patient individuell behandelt wird, gibt es einen grundlegenden Ablauf, der immer gleich ist.Zunächst wird im Vorgespräch eine sogenannte Anamnese gemacht – dabei geht es um die Erfassung der bisherigen Kranken‐ und Entwicklungsgeschichte. Außerdem führen Logopäden im Anschluss selbst diagnostische Verfahren durch. Sie testen zum Beispiel Wortschatz und Aussprache. Mit der Auswertung dieser Tests werden dann Therapieziele festgelegt und Therapiepläne entwickelt. „Wir haben bestehende Konzepte, unter denen wir das passende auswählen“, erklärt Vanessa. „Das wird dann an den jeweiligen Patienten angepasst und ausgeschmückt. Dazu gehört eine Menge kreative Eigenleistung. Ich muss überlegen, wie ich meine Patienten anleite, so dass sie Spaß dabei haben und Erfolge erzielen. Gerade bei Kindern muss man da sehr spielerisch vorgehen – sich Dinge ausdenken, Materialien basteln und auch spontan umplanen können, wenn irgendetwas nicht funktioniert – das kann auch mal eine Runde Trampolinspringen sein, wenn es mit der Konzentration nicht so richtig klappt.“

Eine andere Herausforderung sei die Arbeit mit Erwachsenen, findet Stella. „Patienten, die älter sind, als man selbst, sind oft erstmal skeptisch, da muss man vermitteln, dass man weiß, was man tut. Aber auch das macht dann richtig Spaß und die Menschen sind wahnsinnig dankbar, wenn sie merken, dass die Therapie anschlägt.“ Diese Dankbarkeit ist eine der Sachen, die die Beiden an der Arbeit sehr schätzen. „Wir wollten einen Beruf, der viel Abwechslung bringt, aber wir wollten auch mit Menschen arbeiten und helfen. Man baut eine Beziehung zu den Patienten auf. Ich hatte vor kurzem so ein Erlebnis, dass mir wieder gezeigt hat, dass das hier genau das Richtige für mich ist. Eine kleine Patientin kam zur Therapie. Bis dahin war mein Tag in Ordnung. Sie hat mich zur Begrüßung umarmt und dann war mein Tag perfekt. Diese kleinen Freuden machen diesen Beruf so wundervoll.“

Anderen Menschen dabei zu helfen, besser zu sprechen, ist das eine, aber wie sieht es bei den Logopäden selbst aus – oder besser, wie klingt es denn bei denen? Müssen sie selbst perfekt sprechen? „Wir haben während der Ausbildung selbst Sprecherziehung und Stimmbildung, wo wir lernen, unsere Stimme richtig einzusetzen und auch an unserer eigenen Sprache feilen. Dialekte sind an sich kein Problem. Aber man muss in der Therapie etwas drauf achten. „Man merkt schon, wie sich die eigene Sprache verändert. Und man lässt den Logopäden auch nicht in der Schule, sondern wird auch privat mal zum Besserwisser – oder hört in der Bahn genauer hin, wenn sich Kinder unterhalten und analysiert schon automatisch“, erzählt Stella.

Auch nach der abgeschlossenen Ausbildung müssen sich Logopäden stetig weiterbilden, es gibt immer wieder neue Therapieansätze und viele verschiedenen Spezialisierungen, das hängt davon ab, wo man später arbeiten wird. Das kann eine Klinik sein, eine Reha‐ oder eine Fördereinrichtung, ein Kindergarten oder auch eine logopädische oder psychologische Praxis. Auch eine eigene Praxis wäre möglich – die Selbstständigkeit käme auch für beide infrage – aber erst nach ein paar Jahren Berufserfahrung. „Wir möchten erstmal noch so viel wie möglich lernen. Jeder Mensch ist anders und jede Therapiestunde auch ein kleines Abenteuer, so schnell wird das nicht langweilig.“ (mü)