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24.10.17

Justizvollzugsbeamte - Hinter Gittern

Es gibt Berufe, die sind einfach noch etwas spannender als andere – weil sie nicht alltäglich sind, weil man sie in der Regel selbst nicht einfach mal beim Schülerpraktikum ausprobieren kann und weil man trotzdem eine gewisse Vorstellung davon hat. Die 25-jährige Ann-Katrin und der 31-jährige Hendrik haben sich so einen Beruf ausgesucht: Sie sind Justizvollzugsbeamte im mittleren Dienst des Landes Thüringen. Sie arbeiten beide in der Jugendstrafanstalt Arnstadt und sie haben WiYou.de ins Gefängnis eingeladen, um „hinter Gittern“ von ihrer Ausbildung und ihrem Arbeitsalltag zu erzählen.


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Foto: Manuela Müller/WiYou.de

Ein beklemmendes Gefühl ist es schon, wenn die schwere Metalltür hinter einem langsam wieder ins Schloss fällt, auch wenn es hier auf den ersten Blick viel heller und freundlicher ist, als man es von einem Gefängnis erwartet. Aber noch sind wir auch nur im Verwaltungsgebäude der Jugendstrafanstalt Arnstadt, Ann-Katrin und Hendrik arbeiten direkt auf den Vollzugsstationen in den Hafthäusern. Aber auch hier ist es gar nicht so düster und unheimlich wie erwartet. Untergebracht sind in den insgesamt sieben Häusern männliche Gefangene im Alter von 14 bis 24 Jahren im Vollzug der Jugendstrafe und junge Erwachsene bis 24 beziehungsweise 30 Jahre. Sie wohnen in Gruppen mit maximal zwölf Personen. „Da diese JSA die einzige Jugendstrafanstalt in Thüringen ist, ist von der Schwere der Straftaten alles dabei, das fängt bei Schwarzfahren an und geht bis Vergewaltigung und Mord“, erklärt AnnKatrin.

Sie kommt aus Sachsen und konnte dort über ein Praktikum während des Fachabiturs ein Jahr lang Gefängnisluft schnuppern. (Das ist allerdings eine Ausnahme und in Thüringen zum Beispiel nicht möglich.) „Mir hat die Arbeit dort so gut gefallen, dass ich das auch beruflich machen wollte. Ich war nach meinem Schulabschluss aber noch zu jung. Also habe ich erst noch eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht. Danach war ich dann alt genug und hab mich unter anderem in Thüringen beworben, hier hat es dann auch gleich geklappt.“

Henrik war acht Jahre lang als Militärpolizist im Einsatz, bevor er sich für die Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten entschied. „Mein Vater ist Polizist und ich hatte schon immer ein Faible für diese Richtung. Außerdem arbeite ich gern mit Menschen – da schien mir der Vollzugsdienst eine gute Wahl zu sein.“

In Thüringen gibt es zwei Strafanstalten, an denen ausgebildet wird: die JVA Tonna und die JSA Arnstadt. Man hat dabei eine Stammanstalt, lernt aber auch die andere kennen, weil es einmal um den der Erwachsenenvollzug und einmal um den Jugendvollzug geht. Ann-Katrin

und Hendrik waren der JVA Tonna zugeteilt. Die Ausbildung im mittleren Vollzugsdienst beginnt mit einer dreimonatigen Einführungszeit, in der man erstmal alle Bereiche der Haftanstalt kennenlernt und sich die verschiedenen Aufgaben genau anschauen kann. Danach kann man nochmal entscheiden, ob man wirklich weitermachen möchte. Es folgt dann der erste Theorieblock im Ausbildungszentrum in Gotha. Der dauert vier Monate und behandelt die Grundlagen in Soziologie, praktischem Vollzugsdienst, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Psychologie, Pathologie, Kriminologie, rechtlichen Grundlagen des Vollzuges und Vollzugsverwaltung. Dann geht es wieder in die Praxis für elf Monate, um das Gelernte erstmals praktisch anzuwenden. Der letzte Abschnitt ist eine sechsmonatige Theoriephase, in der auch die Laufbahnprüfung verankert ist.

Ann-Katrin und Hendrik haben ihre Ausbildung 2015 erfolgreich abgeschlossen, können sich aber noch gut an die erste Zeit im Gefängnis erinnern. „Ich kannte das Gefühl des Eingesperrtseins zwar schon von meinem Praktikum, aber Tonna ist eine sehr große Anstalt, da war es am Anfang sehr bedrückend und ich hab manchmal ein bisschen das Zittern gekriegt, wenn ich mit verurteilten Mördern zu tun hatte. Aber wenn man mit den Gefangenen ins Gespräch kommt und sich an die hohen Mauern gewöhnt hat, legt sich das.“ Hendrik, der die Arbeit im Gefängnis bis dahin nur aus den Medien und von Erzählungen kannte, war eher positiv überrascht: „Der Ton und der Umgang unter- und miteinander ist gar nicht so rau, wie ich dachte, sowohl unter den Gefangenen als auch gegenüber den Vollzugsbeamten. Auch hier wird ‚bitte‘, ‚danke‘, und ‚guten Morgen‘ gesagt.“ Auch von den Aufgaben, die man als Vollzugsbeamter hat, würden die Medien oft ein falsches, unvollkommenes Bild vermittelt, findet Hendrik. „Man ist nicht nur Schließer, der Türen auf- und zusperrt. Man ist auch Sozialarbeiter, Psychologe, Schuldenberater, Suchtberater, Mutti, großer Bruder. Man ist immer der erste Ansprechpartner der Gefangenen, egal um was es geht.“ Die grundsätzlichen Aufgaben im Justizvollzugsdienst sind im Gesetz festgeschrieben: Das Beaufsichtigen, Betreuen und Versorgen der Gefangenen. Im Jugendvollzug spielt zudem die Erziehung hin zu einem straffreien Leben eine große Rolle.

Aber wie sieht die Arbeit der beiden nun genau aus? Ann-Katrin: „Wir arbeiten im Schichtdienst auf der Station. Jede Schicht hat spezielle Aufgaben. Ich habe gerade Frühschicht. Die beginnt sechs Uhr morgens. Ich gehe dann auf meine Station, schließe die Hafträume auf, wecke die Gefangenen und schaue nach, ob alles in Ordnung ist. Die meisten gehen 6:45 Uhr zur Arbeit, zur Ausbildung oder in die Schule. Ich kümmere mich dann um die Nichtarbeiter, um die Zuführung zum medizinischen Dienst, zum Transportdienst, in den Besucherraum oder zu den Fachdiensten. Außerdem ist das auch die Zeit, in der wir Konferenzen und Besprechungen haben. Zum Mittag muss ich die Speisung der Gefangenen absichern, hier im Haus und im Speisesaal. Das klingt alles nicht so viel, aber man ist immer auf Achse und die Zeit vergeht sehr schnell.“ Zum Feierabend übergibt Ann-Katrin dann an Hendrik in der Spätschicht. „Das ist meine Lieblingsschicht. Ich fange 14 Uhr an, bin aber schon etwas eher da, um mich umzuziehen und mit den Kollegen zu sprechen, was aktuell anliegt. Dann gehe ich auf die Station. Viertel drei kommen die zurück, die die Schule besuchen, 15.45 Uhr ist Arbeitsumschluss. Wenn alle wieder auf ihrer Station sind, werden schon kleinere Gespräche geführt, Anträge bearbeitet und die Essenausgabe für das Abendbrot vorbereitet. Außerdem dürfen die Gefangenen raus auf den Freihof, im Winter eine, im Sommer zwei Stunden. Da habe ich dann Aufsicht. Danach können sie sich noch auf der Station in ihrer Wohngruppe frei bewegen und zusammen fernsehen, Karten spielen oder auch noch was kochen. Das ist die Zeit, die mir am meisten Spaß macht, weil ich da mittendrin bin, mitspiele, mit ihnen rede und so einfach viel mehr mitkriege, als wenn ich nur im Dienstzimmer sitzen würde. Vor dem endgültigen Einschluss wird dann noch die Nachtmedizin verteilt und ich bereite die Übergabe an die Kollegen aus der Nachtschicht vor.“

Ann-Katrin und Hendrik sind während ihrer Arbeit immer ganz nah am Gefangen dran. „Das ist wichtig, denn nur so lernt man sie besser kennen und weiß, worauf man achten muss, wenn es mal Probleme gibt.“ Aber auch, wenn es vielleicht so klingt, hier geht es nicht um freundschaftliche Beziehungen. „Wir sind zwar Vertrauenspersonen, aber immer mit einem gewissen Abstand. Wir müssen uns auch durchsetzen, zum Beispiel Sanktionen aussprechen und dürfen nicht vergessen, dass wir es hier nicht mit unschuldigen Schäfchen zu tun haben, sondern mit Straftätern.“

Apropos Straftäter, wie ist es denn, wenn man weiß, dass man es zum Beispiel mit einem Mörder zu tun hat? „Ich informiere mich meist nicht so detailliert über die Straftaten der Insassen. Die Aufarbeitung der Straftat gehört zwar zum Vollzug dazu, das übernimmt aber der Fachdienst, nicht der Stationsdienst. Mir ist es wichtiger, wie sich jemand hier in der Haft benimmt“, erzählt Ann-Katrin. Und auch Hendrik weiß, wie wichtig es ist, ohne Vorbehalte mit den Gefangenen umzugehen: „Unser Job ist es, alle gleich zu behandeln, egal was jemand getan hat. Persönliche Befindlichkeiten dürfen hier keine Rolle spielen. Auch Rassismus oder politische Gesinnungen haben hier nichts zu suchen. Jeder muss jedem gegenüber aufgeschlossen und unvoreingenommen sein. Wer das nicht kann, ist hier falsch. Genauso übrigens wie die, die denken, hier kann man als sich als Rambo richtig austoben.“

Wobei dieser Beruf natürlich auch nicht ganz ungefährlich ist. „Ein Risiko bleibt immer, gerade bei Jugendlichen kann eine Situation schnell eskalieren. Wir lernen in der Ausbildung, uns selbst zu schützen, allerdings ohne Waffen. Die tragen wir hier nämlich nicht. Wir haben Funkgeräte mit Alarmfunktion, so dass immer gleich Verstärkung kommt, wenn es mal Probleme geben sollte“, so Ann-Katrin. Als Frau fühlt sie sich ihren männlichen Kollegen gegenüber dabei nicht benachteiligt. „Im Gegenteil, als Frau wirkt man eher noch deeskalierend. Man muss sich aber durchsetzen können und darf kein schüchternes Mäuschen sein.“

Ann-Katrin und Hendrik wurden nach ihrer Ausbildung in das Beamtenverhältnis auf Probe übernommen. Sie können nicht nur im Stationsdienst, sondern zum Beispiel auch in der Verwaltung oder im Transportdienst arbeiten, möchten aber beide hier bleiben. Sie wissen, dass sie einen eher ungewöhnlichen Beruf haben, würden sich aber immer wieder dafür entscheiden. „Ich liebe meinen Beruf und freue mich jeden Tag, wenn ich zu Schichtbeginn hier ankomme“, erzählt Ann-Katrin. Und auch Hendrik findet nichts, was ihm nicht gefällt. „Naja, außer vielleicht, wenn ich bei schlechtem Wetter mit raus auf den Hof muss.“ (mü)