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27.03.19

Glasapparatebauer - Er hat den Dreh raus

Ewgeni hatte den Glasapparatebauer gar nicht auf seiner Berufswunschliste, bis er bei einem Praktikum eher zufällig mit dem Glasbläserhandwerk in Berührung kam. „Ich wollte eigentlich Biologielaborant werden. Aber beim Glasapparatebau habe ich mich gleich so wohl gefühlt und gemerkt, dass das noch viel besser zu mir passt.“ Und so weit weg ist er damit auch gar nicht von den Laboranten, denn die Firma Rettberg, in der Ewgeni seine Ausbildung macht, stellt Glasapparate wie beispielsweise Reagenzgläser, Zylinder und Kolben für Wissenschaft und Forschung her. „Ich bin selbst ein leidenschaftlicher Wissenschaftler und kenne mich da etwas aus. Ich weiß meist, wozu der jeweilige Apparat gut ist und worauf ich bei der Herstellung besonders achten muss.Das macht das alles noch interessanter.“


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Fotos: Manuela Müller

Interesse allein reicht aber natürlich nicht aus. Der Glasapparatebau ist auch heute noch ein richtiges Handwerk und zwar eins, das nicht jedem liegt. Das weiß auch Ewgeni. „Glas ist ein besonderer Werkstoff und die Arbeit damit ist sehr anspruchsvoll. Das muss man wirklich wollen und ein bisschen Talent braucht man auch. Mich reizt neben dem Handwerk das Verhältnis von Theorie und Praxis. Ich muss sehr viel wissen aber auch die handwerklichen Tätigkeiten beherrschen.“ Im Berufsschulunterricht im staatlichen Berufsschulzentrum Ilmenau stehen für angehende Glasapparatebauer unter anderem Werkstoffkunde, Werkzeug‐ und Maschinenkunde, Glasverarbeitung, Glasapparatekunde, Fachzeichnen, Fachrechnen, Arbeitstechniken und Arbeitsablaufplanung auf dem Stundenplan. Außerdem gibt es berufspraktischen Unterricht in der Lehrwerkstatt.

Bei Ewgeni im Unternehmen wird noch ganz traditionell Glas über einer Flamme erhitzt, dazu bekommt er vorgefertigte Glasrohre oder Glasstäbe. Anhand einer technischen Zeichnung weiß er, wie das fertige Teil am Ende aussehen soll. Mal muss das Glas aufgeblasen werden, mal gezogen, gedrückt, geformt oder gedreht. Oder es werden Löcher hineingestochen, andere Glasteile zusammengefügt, Bauteile angesetzt und andere Werkstoffe eingearbeitet. „Ich muss vorher genau überlegen, was es werden soll, wie ich vorgehen muss und was die einzelnen Schritte sind. Ist das Glas erstmal flüssig, muss es schnell gehen. Außerdem sind die Maße genau vorgebeben und man darf nur wenige Millimeter abweichen. Das ist bei der Arbeit frei Hand wirklich nicht leicht. Ich kann eben nicht einfach eine Maschine programmieren und dann läuft das. Auch im Glasapparatebau wird heute zwar schon mit Maschinen, zum Beispiel Glasbläsermaschinen, gearbeitet. Die sind aber eher zur Unterstützung da, zum Beispiel wenn es so große Teile sind, die man von Hand gar nicht halten kann. Und als Azubi darf man da auch erst ran, wenn man sein Handwerk wirklich beherrscht. Es kommt viel auf Erfahrung an. Ab wann ist das Glas heiß genug? Wie stark kann ich ziehen? Wieviel Luft muss ich hineinblasen, damit es eine Kugel wird? Wie halte ich das Ganze? Wie drehe ich es richtig?“

Gerade zu Beginn geht es erst mal nur ums Üben. „Da fertigt man ein Teil nach dem anderen, bis man den Dreh raus hat. Und zwar beidhändig. Beide Hände exakt synchron zu bewegen ist gar nicht so leicht. Ich muss das aber können, damit ich das Glas nicht verziehe. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die man falsch macht, die dann aber große Auswirkungen haben.“ Und gefährliche. Wo mit Glas gearbeitet wird, geht auch mal was kaputt. „Geschnitten hat sich fast jeder schon mal.“ Und auch mit den Flammen muss Ewgeni aufpassen. Er trägt Schutzkleidung, dazu gehört eine Brille, die nicht nur vor Glassplittern, sondern auch vor dem gleißenden Licht der Flamme schützt. Handschuhe trägt er nicht immer. „Manchmal braucht man einfach noch mehr Fingerspitzengefühl, zum Beispiel wenn die Teile sehr klein sind. Da muss man dann noch ein bisschen mehr aufpassen, damit man sich nicht verbrennt.“

Wichtig sei, sich die ganze Zeit zu konzentrieren auf das, was man tut. Auch, wenn es mal länger dauert. Ewgeni kann das Glas nicht einfach mal mittendrin ablegen. Bei komplizierteren Teilen braucht er Geduld und Ausdauer, und schließlich ist auch Kreativität gefragt, allerdings weniger die künstlerische. „Bei uns geht es eher darum, kreativ bei der Art der Umsetzung zu sein. Es gibt immer wieder ganz neue Teile, die noch keiner vorher gebaut hat. Da muss man erst mal einen Weg finden, um zum vorgegebenen Ergebnis zu kommen.“

Und dabei spielt auch die persönliche Tagesform eine Rolle. „Manchmal läuft es einfach nicht. Das Glas merkt, wenn man nicht gut drauf ist. Mitunter ist es hier durch die Brenner ziemlich laut. Das stört normalerweise nicht, an den nicht so guten Tagen dafür umso mehr. Da geht’s dann nur mir Hörschutz.“ Dass es durch die Flamme auch sehr warm ist, ist für Ewgeni kein Problem. „Man muss dann nur aufpassen, dass man zwischendurch genug trinkt, gerade im Sommer, und vielleicht öfter mal eine kleine Pause machen. Aber so wirklich heiß wird es bei uns auch nicht, das ist eher bei den richtig großen Teilen der Fall, weil dann auch die Flammen viel größer sind als bei uns hier am Tisch.“

Die ständige Konzentration ist die größte Herausforderung für ihn. „Aber mir macht die Arbeit richtig viel Spaß und das Handwerk liegt mir. Ich brauche, um neue Sachen zu lernen, meist zwei Tage, dann klappt es einigermaßen, und ich übe und bastele auch nach Feierabend gern mal noch ein bisschen, um neue Sachen auszuprobieren. Wir haben hier eine sehr große Produktpalette, da wird es auch nicht langweilig. Ich musste zwar auch schon mal 300 Glasrohre auf eine bestimmte Länge bringen und putzen, das hat eine ganze Woche gedauert und war ziemlich eintönig. Aber zum Glück ist das auch eine Ausnahme.“ Ewgeni ist zwar noch im ersten Ausbildungsjahr, aber schon so gut, dass er Teile für die internen Weiterverarbeitung und für Kunden fertigen darf. Gerade zum Beispiel für eine Universität. „Das macht natürlich stolz. Ich habe hier einfach genau mein Ding gefunden.“