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29.06.20

Ganz schön nachhaltig

Nachhaltigkeit ist mehr als Bio-Obst und Fahrrad fahren. Nachhaltigkeit kann man auch anziehen. Schön, aber das ist doch nur was für Leute, die auf ungefärbte Leinenklamotten stehen? Na von wegen. Christian Heym aus Erfurt zeigt mit seiner Marke Heymkinder, dass Nachhaltigkeit nicht nur echt schick, sondern sogar noch echte Kunst sein kann. WiYou.de wollte mehr darüber wissen.


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"Ganz schön nachhaltig" - Heymkinder | Fotos: Christian Heym

Hi Christian. Sag mal, wer und was steckt hinter der Marke Heymkinder?
Ich, Christian Heym stecke dahinter. Ich habe vor sechs Jahren eine Galerie auf Textil gegründet und veröffentliche von vielen internationalen Künstlern Fotos und Zeichnungen auf Shirts, Hoodies und Beuteln. Heymkinder ist also eine Möglichkeit, Kunst auf Textil zu tragen. Dabei hat jedes Motiv seine Geschichte und unterstützt einen Künstler.

Coole Idee. Wie bist du darauf gekommen?

Ich fotografiere seit 1995 und habe regelmäßig Ausstellungen organisiert. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass Fotos und Kunst immer mehr digital angesehen werden. Teilweise werden Fotos innerhalb von einer Sekunde auf dem Smartphone bewertet. Niemand spricht mehr über die Werke, deren Entstehung, Aussage oder den Künstler. Ich wollte Kunst auf die Straße bringen. Täglich sichtbar. Und über Mode redet man schneller.

Ist Heymkinder ein Ein-Mann-Unternehmen oder ein Hobby?

Es ist ein Ein-Mann-Unternehmen mit 260 internationalen Künstlern, die freischaffend mitarbeiten. Von Peru, Ukraine bis Kanada. Die Definition Hobby oder Hauptberuf gibt es bei Heymkinder nicht. Es ist ein Unternehmen, das einen Platz gefunden hat. Mit einigen Tausend Shirts pro Jahr ist es wie ein Fulltime-Job. Wobei ich keine Abstriche mache und keine Veröffentlichungen plane, wie andere Labels bei einer Fashion-Frühjahrs-Kollektion beispielsweise. Ich bekomme Grafiken, kaufe diese und bringe sie raus. Bekomme ich nichts, biete ich auch nichts an.

Was war die größte Herausforderung für dich als (gründender) Unternehmer?
Heymkinder ist vom Aufbau anders und es war anfangs schwer, mein Konzept gegenüber Banken, Kunden oder dem Einzelhandel als erfolgreichen Weg zu vermitteln. Ich arbeite mit vielen Läden in Europa zusammen, manche Motive gibt es nur in Weimar oder Prag, manche Motive nur online. Fairtrade, vegan und einhundertprozentige Biostoffe sind auch etwas teurer als die Billigmode großer Anbieter. Meine Shirts werden von Hand in Erfurt veredelt. Meine Motive gibt es immer nur fünfzigmal als Gesamtauflage. Manche Motive sind nach zwei Minuten ausverkauft. Jedes Fashionlabel wurde da einfach die Auflage erhöhen, um mehr Gewinn zu erzielen. Das überzeugt Banken. Aber ich wollte das nicht. Es ist auch schwer zu erklären, dass ich die Shirts vorher drucke und es sein kann, dass ich von einem Motiv noch die XL habe aber keine S. Da kamen am Anfang oft die Anfragen, ob nicht neue Shirts in anderen Größen nachgeliefert werden können. Aber das geht eben nicht.

Eigene T-Shirts produzieren bzw. mit eigenen Motiven bedrucken (lassen), kann das eigentlich jeder?
Ja, so wie kochen, nähen, fotografieren, könnte das jeder. Die Anleitungen hierzu gibt es im Internet. Aber das MACHEN – finanzieren, Vertrieb aufbauen, Steuern zahlen, Zollpapiere ausfüllen, drei Tage lang je zwölf Stunden auf Messen stehen, Kartons packen, Shirts drucken und bügeln –, da kommt der innere Schweinehund bei den meisten Menschen durch. Shirtinator, Spreadshirt und andere OnlinePlattformen haben mit einem eigenen Label nicht viel zu tun. Und es ist eine Frage der Qualität. Die meisten drucken Folien auf. Das ist eine PVC-Schicht und billiger, aber auch nicht sehr langlebig. Ich glaube auch, dass man ganz anders und intensiver hinter seinen Produkten steht, wenn man sie selbst herstellt, verpackt, bewirbt und Kundenanfragen bearbeitet. Auf den Plattformen sind viele Menschen unterwegs, die es so mal nebenbei mitmachen. Das ist okay, aber ich lege Wert auf andere Dinge.

Zum Beispiel auf Nachhaltigkeit?
Ja, mir ist wichtig, dass die Shirts zu einhundert Prozent aus Biostoffen wie Bambus oder Baumwolle, CO2-neutral hergestellt und laut PETA vegan sind. Für ein normales T-Shirt wird Baumwolle verwendet, die beim Anbau und Waschen bis zu 2500 Liter Wasser verbraucht, das sind rund 15 Badewannen voll. Ich nutze Stoffe, die mit Regenwasser gewaschen werden, also kein Trinkwasser verbrauchen, und besonders wichtig: alles ohne Kinderarbeit. Außerdem setze ich auf nicht auswaschbare Offsetdrucke, so dass die Shirts lange getragen werden können. Und schließlich möchte ich die Künstler nachhaltig unterstützen und ihrer Arbeit Aufmerksamkeit verschaffen.

War dir die Nachhaltigkeit von Anfang an wichtig? Oder hat sich das mit den aktuellen Trends dieser Zeit so entwickelt?
Sie war es von Anfang an. Unter vielen Aspekten. Aus der Sicht eines Fotografen betrachtet, wollte ich nicht den billigen Rahmen und schlecht entwickelte Fotos auf billigem Papier aus dem Drogeriemarkt. Ich wollte etwas Hochwertiges, keine Massenware. Außerdem hat es mich genervt, dass die Shirts, die ich selbst zum Beispiel auf Konzerten gekauft habe, schnell ausgewaschen waren, ausleierten und vom Motiv schnell nicht mehr viel zu sehen war. Und sie waren voll von giftigen Stoffen. Das, was ich mache, sollte immer nicht nur langlebig, sondern auch biologisch und ethisch unbedenklich sein.

Ist Nachhaltigkeit bei dir „nur“ eine Modeerscheinung? Oder achtest du auch in anderen Bereichen darauf?
Ich bin in vielen Dingen dazu ubergegangen, mir immer die Fragen zu stellen: Brauche ich es wirklich? Ist der Preis fair? Ist das Teil gut verarbeitet oder ein Wegwerfartikel? Ist es Saisonware? Sind es Kartoffeln aus Thüringen oder Ägypten? Bewusst einkaufen hilft, nachhaltiger zu leben.

Apropos Thüringen oder Ägypten: Die Künstler sind international – deine Marke aber regional?

Ja Heymkinder kommt aus Erfurt und die Künstler sind von der ganzen Welt.

Haben trotzdem auch regionale Künstler die Chance, mal einen Platz auf einem Shirt zu bekommen?
Egal woher, jeder auch unbekannte Künstler kann sich per E-Mail, Facebook oder Instagram bei mir melden. Was auch immer daraus dann wird, es ist spannend, ein Netzwerk über die gesamte Welt zu haben und sich auszutauschen. Und dann ergeben sich eben auch Dinge ...

Oh, ist das ein Aufruf?
Ja, unbedingt! Also: Wenn du kreativ bist, zeichnest und dir der Stil der Heymkinder-Motive
gefällt, melde dich bei mir, werde ein Heymkind und vielleicht der nächste Künstler, der veröffentlicht wird!
(Interview: Manuela Müller)