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08.11.14

Fotojournalist/in - auf Abruf abdrücken

Mit dem Handy einen Schnappschuss machen, weil man zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, um den frisch verheirateten Superstar abzulichten oder sein Mittagessen durch den InstagramFilter zu jagen – das ist keine große Herausforderung – hat allerdings auch nicht so viel mit Fotojournalismus zu tun. Denn wer mal einem Profi über die Kamera guckt, sieht: Da gehört doch mehr dazu. Zum Beispiel nachts auf Abruf zu sein, dann draufzuhalten, wenn andere lieber weggucken und auch noch einen passenden Text zum Foto schreiben zu können. Und zwar schnell „Nachrichten können nämlich nicht warten“, weiß der freiberufliche Fotojournalist Paul Philipp Braun.


Philipp wollte eigentlich mal Förster werden, später doch lieber Medizin studieren – und ist jetzt freiberuflicher Fotojournalist, Onlineredakteur, Social Marketer … und das mit 18 Jahren. Eine berufliche Laufbahn, die so nicht geplant
war, weil sie so auch gar nicht geplant werden kann. „Das hat sich alles irgendwie ergeben. Seit ich denken kann, bin ich im Deutschen Roten Kreuz aktiv und hab dort immer neue Herausforderungen gesucht. So kam ich dort in die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit.“ Das war vor gut sechs Jahren. Philipp übernahm damals erste Fotoarbeiten und fand Gefallen am neuen Aufgabenfeld.

Er bewies dabei so viel Talent, dass ein Kandidat der Eisenacher Ober Bürgermeisterwahl ihn als Verstärkung in sein Wahlkampfteam holte. Philipp war dort für Fotografie und Social Marketing verantwortlich und immer mit dabei, wenn offizielle Termine anstanden. „Dabei habe ich unwahrscheinlich viele Leute kennengerlernt.“ Einer dieser neuen Kontakte führte Philipp zur freien Mitarbeit in der Lokalredaktion einer großen Thüringer Tageszeitung, ein anderer zu einem Eisenacher Onlinemagazin. Dort kam Philipp dann auch zum Schreiben, denn gerade in kleineren Redaktionen muss jeder alles machen, also zu einem Bild auch einen Text verfassen können. „Ich hatte ja keine richtige Ausbildung, sondern nur meine praktischen Erfahrungen, habe aber durch die tägliche Arbeit immer mehr dazu gelernt und mir viel bei den Kollegen abgeschaut. Obwohl mir alles Spaß gemacht hat, fand ich die Fotografie einfach spannender und habe mich weiter darauf konzentriert.“ Philipp meldete ein Kleingewerbe an und fing an, selbst Kunden zu akquirieren. Er fotografierte Hochzeiten, Vereinsveranstaltungen, Firmenfeiern und auch für größere Auftragsgeber. Diese Medienkarriere startete Philipp übrigens in seiner Freizeit, denn hauptberuflich drückte er noch bis zum Frühjahr dieses Jahres die Schulbank. „Das war schon manchmal stressig. Gerade dann zur Prüfungszeit. Ich habe morgens mein Deutschabitur geschrieben und war dann nachmittags zum Besuch der Kanzlerin als Fotograf unterwegs. Außerdem muss man, gerade für aktuelle Nachrichten, dann vor Ort sein, wenn etwas passiert – auch nachts, wenn irgendwo ein Unfall passiert ist. Da ist egal, wann morgens wieder der Wecker klingelt.“ Philipps Eltern hatten deshalb am Anfang ihre Bedenken. „Aber als sie die ersten Erfolge gesehen haben, waren sie dann auch überzeugt und haben mich immer unterstützt, wenn ich ihrer Hilfe brauchte und mich zum Beispiel zu einem Termin gefahren,
wenn ich dort mit Bus und Bahn nicht hinkam.“
Zwar könnte Philipp momentan von seiner Selbstständigkeit leben, hat sich jedoch trotzdem für einen anderen Weg entschieden: „Ich weiß, wie unsicher diese Branche sein kann und so ein ‚ungelernt freiberuflich‘ macht sich auf Dauer im Lebenslauf auch nicht gut.“ Da er aber nicht gleich nach der Schule zum Studium gehen wollte, begann er im September ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Jugendrotkreuz Thüringen. „Da arbeite ich zum einen auch wieder in der Öffentlichkeitsarbeit, kümmere mich aber auch um die Organisation von Jugendprojekten und Veranstaltungen.“ Philipp hat vor, danach Journalis tik studieren. „Ich möchte mich beim Schreiben einfach noch weiter qualifizieren. Ein reines Fotografiestudium ist nichts für mich – zumal ich wohl die Aufnahmeprüfung nicht bestehen würde, dafür muss man nämlich richtig gut zeichnen können.“ (mü)