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20.01.20

Erzieher - Lukas und die „Gartenzwerge“

„Überall werden Erzieher gesucht“, heißt es ja immer. Also habe wir mitgesucht – und einen gefunden. Und zwar nicht irgendeinen – sondern tatsächlich einen männlichen (das ist immer noch relativ selten), und dann auch noch einen, der die Ausbildung in einem Model‐Projekt absolviert. Wir besuchen den 23‐jährigen Lukas bei den Brühler Gartenzwergen, der Kindertagesstätte der AWO, die den praktischen Teil seiner PIA‐Ausbildung übernimmt. Und hier ist ordentlich was los.


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Foto: Manuela Müller

Laut, bunt und überall bewegt sich was – ein Kindergarten ist definitiv kein Job für Ruhe liebende Einzelgänger. Das ist Lukas auch nicht, auch wenn er einen zweiten Anlauf für seinen Traumberuf gebraucht hat. „Ich habe nach der Schule ein FSJ gemacht. Dabei hatte ich viel mit Kindern zu tun, was mir wirklich Spaß gemacht hat. Allerdings dachte ich auch, wenn ich schon Abi hab, muss ich das doch nutzen und habe mich anschließend für ein Studium entschieden. Geowissenschaften. Das war aber viel zu theoretisch und gar nicht mein Ding.“

Lukas verabschiedete sich wieder von der Uni und startete einen neuen Versuch. Diesmal mit dem Berufsziel Erzieher. „Das war für mich damals nur als zweistufige schulische Ausbildung möglich. Also zwei Jahre Ausbildung als Sozialassistent oder Kinderpfleger und im Anschluss drei Jahre Erzieher.“ Lukas lernte Kinderpfleger. „Als ich mich dann für die Erzieherausbildung bewerben wollte, habe ich von PIA erfahren. Das ist eine neue, praxisintegrierte Erzieherausbildung. Dabei hat man wie in anderen dualen Berufsausbildungen einen Teil Schule und ein Teil Praxis in einer Einrichtung. Und man bekommt anders als bei der rein schulischen Ausbildung eine Ausbildungsvergütung.“

Auch gibt es für die PIA‐Ausbildung andere Zugangsvoraussetzungen, Praxisstunden können die bisher geforderte Vorausbildung ersetzen. „Das kam für mich zu spät, aber geschadet hat die Kinderpflegerausbildung, zu der drei Praktika gehörten, auch nicht. Es hat mir Freude gemacht und den Einstieg in die jetzige praktische Arbeit erleichtert.“

Lukas ist nun immer drei Tage der Woche in der Berufsfachschule und zwei Tage in der Einrichtung.</stron> „Ich fange hier halb acht an. Da sind natürlich schon Kinder da. Wenn das Wetter passt, spielen sie draußen. Ich setze mich meist einfach dazu und spiele mit. Ich achte darauf, dass kein Kind irgendwo verloren rumsitzt und Däumchen dreht, sondern versuche, alle miteinzubeziehen. Aber ohne sie zu zwingen.“ Ohne Zwang gilt auch für‘s Frühstück – wer Hunger hat, geht in den Frühstücksraum und bekommt dort ein Brot geschmiert. Feste Regeln gibt es aber trotzdem, wie das gemeinsame Zähne putzen. „Dazu gehen wir um neun mit den Kindern ins Bad. Da helfe ich denen, die mit den ganz alltäglichen Dingen wie Hände waschen und Toilettengang noch Unterstützung brauchen. Manche Kinder müssen auch noch gewickelt werden.“

Dann wird wieder gespielt, bis es Mittag gibt. „Ich sorge dafür, dass jedes Kind das bekommt, was es braucht und helfe denen, die noch nicht allein essen können. Gleiches gilt für das anschließende Betten aufbauen und Schlafanzüge anziehen.“ Die Mittagsruhe der Kinder ist für die Erzieher aber keine Pause – nicht für alle gleichzeitig zumindest, sie teilen sich in die Aufsicht rein.

Wenn die Kinder wieder wach werden, heißt es wieder umziehen und Betten wegräumen. „Wir versuchen, die Kinder so viel wie möglich selbst machen zu lassen und ihnen Routinen beizubringen, das dauert natürlich schon mal länger und fordert Geduld.“ Sind alle fertig, gibt’s Vesper und dann werden die ersten auch schon abgeholt und auch Lukas packt gegen 16 Uhr seine Sachen zusammen.

„Manche Tage sind etwas ruhiger, wie in der Urlaubszeit, wenn nicht alle da sind, andere besonders laut, wenn zum Beispiel ein Geburtstag gefeiert wird. Dann wird es schon anstrengend. Aber Spaß macht es trotzdem. Selbst, wenn ich morgens erstmal nicht so gut drauf bin. Sobald ich in den Kindergarten reinkomme und die ersten ‚Hey, Lukas ist endlich wieder da!‘ rufen, ist die gute Laune zurück.“Insgesamt gibt es hier 105 „Gartenzwerge“, in Lukas‘ Gruppe sind es 16. „Ich bin aber nie ganz allein mit ihnen. Während der Ausbildung ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass ein ausgebildeter Erzieher dabei ist. Und das ist gut so, denn gerade am Anfang stößt man immer mal wieder an seine Grenzen, weil man nicht weiß, wie man reagieren soll. Zum Beispiel, wenn ein Kind plötzlich Papa zu einem sagt oder eben einfach nicht hört und anfängt zu schreien.

Ein Erzieher muss sich auch durchsetzen können, klare Ansagen machen und Grenzen abstecken. „Das ist gar nicht so einfach für mich, weil ich eher ein ruhiger, zurückhaltender Typ bin und die Kinder mich noch nicht so als Respektsperson sehen.“ Gar kein Problem ist es für ihn, sich mit in die Sandkisten zu setzen oder mit Fußball zu spielen. „Das mache ich ja selbst auch noch gern. Und es ist wichtig, dass die Kinder merken, dass man sich gern mit ihnen beschäftigt und nicht nur aus der Ferne grimmig zuguckt. Da macht man sich zwar auch mal die Schuhe schmutzig, aber das ist dann eben so.“ Außerdem gehört zu den Aufgaben der Erzieher nicht nur die reine Betreuung der Kinder, sondern auch viel Dokumentation, Elternarbeit und Kommunikation mit Jugendämtern zum Beispiel. Das betrifft Lukas allerdings noch nicht so sehr. Er wird da erst mit der Zeit rangeführt.

Auch durch die Theorie in der Berufsschule. „Hier geht es um die pädagogischen Sachen, um die Frage, wie man ein guter Erzieher ist und wie man mit Kindern arbeitet sowie um die Entwicklung. Ich lerne, was ein Kind wann können muss und wie ich es fördern kann. Außerdem gibt es allgemeine Themen wie Freizeitgestaltung und gesundheitliche Themen. Und es geht nicht nur um Kinder, sondern auch um Jugendliche und junge Erwachsene.“

Das Spektrum des Erziehers ist nämlich viel breiter als man denkt: „Es geht von 0 bis 27 Jahre. Zwar ist die PIA‐Ausbildung schon auf den Kindergarten ausgerichtet, aber wenn man irgendwann gern noch mal wechseln möchte, zum Beispiel in die Jugendarbeit, ist das mit diesem Abschluss auch möglich.“

Für Lukas ist der Kindergarten aber erst einmal genau der richtige Arbeitsplatz. „Ich fühle mich hier total wohl. Während der Ausbildung ist es ja normal, dass nicht immer alles gleich klappt. Und dafür habe ich ja immer Kollegen, die mir weiterhelfen.“ Dass das heutzutage immer noch überwiegend Frauen sind, stört Lukas nicht. „Für die Kinder ist es schön, dass sie auch eine männliche Bezugsperson haben und auch von den Erwachsenen habe ich bisher noch nie was Negatives gehört.“

Egal ob Mann oder Frau – man sollte den Beruf des Erziehers nur nicht unterschätzen. „Es ist ein toller Job, aber auch ein fordernder.Nur, weil ich zuhause gern auf meine Nichte oder meinen Neffen aufpasse, ist das nicht automatisch der richtige Beruf für mich.“ (mü)