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19.02.16

Altenpfleger - Man darf keine Berührungsängste haben

Der klassische Altenpflege­Schüler ist männlich, Anfang zwanzig und hat eine Ausbildung zum Industriemechaniker Produktionstechnik in der Tasche. Okay, ganz so klassisch ist das nicht, aber für den 22­jährigen Alexander spielt das keine Rolle. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er als Mann in der Pflege noch immer eher die Ausnahme – oder schöner: der Hahn im Korb – ist. Darüber freuen sich übrigens auch die Bewohner und Patienten im Seniorenwohnpark in Schlotheim.


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Bild: Der PARITÄTISCHE Thüringen

Nach einer abgeschlossenen Ausbildung noch einmal in einer ganz anderen Branche von vorn anzufangen, ist kein leichter Schritt. Alexander hat ihn trotzdem gewagt. „Industriemechaniker war einfach doch nicht das Richtige für mich, ich wollte da raus und was anderes machen“, erklärt er. „Ich habe zur Orientierung ein Praktikum bei der AWO gemacht und mich dann für eine Ausbildung zum Altenpfleger entschieden.“

Als Mann in der Pflege – funktioniert das? Die Frage stellte sich Alexander anfangs genauso wie auch seine Ausbilder und Kollegen. „Die Eingewöhnungszeit war schon nicht so einfach, aber wenn man ein gutes Team hat, dann passt das schon. Am Ende war das Schwierigste für mich, mich in den verschiedenen Wohnbereichen – bei uns ist die Einrichtung je nach Schwere der Pflegebedürftigkeit in Wohnbereiche aufgeteilt – zurechtzufinden und alle Leute kennenzulernen.“ Mit den Bewohnern und Patienten hatte Alexander von Anfang an keine Probleme. „Die meisten freuen sich, wenn da auch mal ein Mann in der Tür steht und für etwas Abwechslung sorgt. Man darf nur keine Berührungsängste haben.“ Ein wichtiger Aspekt in einem Beruf, in dem man den Menschen sehr nah kommt. Einen Erwachsenen zu waschen oder zu wickeln, kann sich nicht jeder vorstellen.

Alexanders Aufgaben sind die morgendliche Grundversorgung, die Mobilisierung der Bewohner, dafür zu sorgen, dass sie genug essen und trinken, aber auch Behandlungspflege und ärztliche Versorgung. Das heißt Medikamente verabreichen, die ärztlich verordnet wurden, Verbände wechseln, Patientenberichte schreiben und die Kommunikation mit den Ärzten. Die genauen Aufgaben hängen von dem Bereich ab, in dem er eingesetzt ist. „Manchen hilft man nur beim Aufstehen, andere brauchen bei fast allen Aktivitäten des täglichen Lebens Unterstützung. Mir macht meine Arbeit sehr viel Spaß, aber man darf nicht vergessen, dass die Menschen hier auf ihrem letzten Lebensabschnitt sind und das Sterben dazugehört. Das ist nicht immer einfach und man muss lernen, es nicht zu nah an sich ranzulassen.“ Unterstützung dabei bekommt Alexander nicht nur von seinen Kollegen, sondern auch in der Berufsschule, wo es ein extra Lernfeld zum Umgang mit Krisensituationen gibt. „Da geht es zu Beispiel auch um Gewalt und Sexualität in der Pflege. Die Theorie insgesamt ist das, was ich an diesem Beruf anfangs unterschätzt habe. Anatomie, Pflege und Krankheiten – man muss wirklich sehr viel lernen, kriegt das aber gut hin, wenn man interessiert ist und immer dabei bleibt.“ Bei der praktischen Arbeit kommt es vor allem auf Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit, Offenheit und Freundlichkeit an – auch wenn man selbst mal einen nicht so guten Tag hat.“ Altenpfleger arbeiten auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen, für Alexander ist das in Ordnung. „Insgesamt ist das auch nur eine 40-­Stunden-­Woche, nur eben ein bisschen anders verteilt.“

Alexander ist jetzt im dritten Lehrjahr, in ein paar Monaten wird er seine Prüfung machen. „Der Berufswechsel war genau das Richtige für mich und ich möchte auf jeden Fall weiter als Altenpfleger arbeiten. Allen, die sich auch für diesen Beruf interessieren, rate ich: Guckt es euch an, es ist viel mehr als Waschen und Po abwischen.“ (mü)